independent-pop-radio
auf FLoK, FM 107.1 MHz
Playlist
Mittwoch, 20. Januar
1999, 19 bis 20 Uhr
| CONTRIVA goodbye!
(aus: [...] introduce me to someone really cool, 10"EP, lok musik 1998) |
Bernd sagt:
Gitarrengeschrummel - das
zunächst. Mit einem einzigen Akkord, nur eine kleine Verzierung am
Taktende. Sowas kennt man aber schon. Und auch das Schlagen der abgestoppten
Saiten als Überleitung zum Einsatz der gesamten Band ist zunächst
nicht erbaulich, sondern bloß bekannte
Intro-Masche. Doch dann: Ausgerechnet dieser letzte, tonlose Takt des
Intros - ein Versatzstück - verrät im Laufe des Liedes die Könnerschaft
der Band Contriva aus Berlin. Indem das Klischee nämlich zum Motiv
aufgewertet wird, strukturiert es den gesamten A-Teil; der wirkt
im übrigen sexy komplex, aufgrund seiner überzähligen
Takte, aber geht damit nie hausieren. So ist's recht. Dies macht es einem
einfach, sich oberflächlich mit der zuversichtlichen Orgelmelodie
zu vergnügen oder voller Vorfreude auf die raffinierten Akkordwechsel
im jeweils zweiten Durchlauf zu warten. Im B-Teil von "Goodbye!" sind
die Strukturen dann klarer, die Instrumentierung dichter, und es scheppert
etwas. Nichts aber ist aufdringlich: So werden wir überzeugt - nicht
überredet. Und folgerichtig kommt diese Musik, die sich vollkommen
auf sich selbst verläßt, auch ohne Worte aus.Der bloße
Klang kann ins Zentrum unserer Wahrnehmung treten. Mit seinen putzigen
Mini-Verzerrungen erinnert der vinylverbrämte Sound an den Charme
von 4-Spur-Aufnahmen. Man darf sagen: Das alles ist wunderschön.
Auch, weil sich diese Musik so bescheiden gibt, aber stets ihre Vielschichtigkeit
und Größe erkennbar bleibt. Kurzum: Eine BONTJE-Platte
auf jeden Fall! |
| MS. JOHN SODA up and away
(aus: Jimmy Gimme More, DoCD, Hausmusik 1998) |
Marc sagt:
Ein Song aus hausgemachter elektronischer Musik, mit warmem E-Bass und versetzten Stimmen, sehr verträumt, mit viel Charme, weit weg von allem. Keine Spur von Vielfliegerfaschismus, den der Titel empfindlichen Menschen suggerieren mag. Steffi Böhm ist seit 1998 als Keyboarderin viertes Mitglied bei den Münchnern Couch (hier schon mal ein Hinweis auf unser Interview mit Michael Heilrath und Jürgen Söder von Couch in Bontje #12, Mittwoch, 21. April 1999, 19 Uhr). Auf diesem Sampler ist sie darüber hinaus mit dem Projekt Subatomic vertreten. "Jimmy Gimme More ist ein
Musik-Comic-Text- und Bild-Sampler und erscheint zum gleichnamigen Festival
im November 98,", das in München stattfand, "einer Kombination aus
dem alljährlichen Hausmusik- und dem seit letzten Jahr stattfindenden
Jimmy Draht Comic-Festival.", zitiere ich aus dem Heftteil. Der Doppel-LP/CD-
Sampler ist überaus empfehlenswert und versammelt neben obskureren
Projekten auch bekannte Größen wie Couch, Pram, The Notwist,
Schneider TM und Schwermut Forest, möglich durch Unterstützung
der Labels Payola, Community, Domino. Musikalischer Schwerpunkt liegt auf
Elektronik, aber auch Rock ist vertreten, sogar Country (Broken Radio,
Trouble). Kein repräsentativer Querschnitt, aber ein umfassender,
spannender. Spaß macht, die personellen Verästelungen einer
scheinbar überschaubaren Szene aufzuspüren. Der Comicteil wirkt
auf den Laien anders und bunt, die kurzen Prosastücke entstammen der
Trashkultur, und die opulente Gestaltung des großformatigen Hefts
wird jeden erfreuen.
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| MILES astronaut
without a cause
(CDsingle, V2 1999) |
Marco sagt:
Nun wird es endlich auch für die bontje-Redaktion Zeit, sich des Phänomens Miles anzunehmen. Aufgrund des Medienhypes muß ich zur Musik Miles' ja wohl nicht mehr viel schreiben, sondern nur das Nötigste: Ja, diese Musik kommt aus Würzburg. Und nicht aus USA. Auch wenn sie so klingt. Obwohl im Weilheimer Uphon-Tonstudio von Olaf O.P.A.L (u.a. The Notwist "Shrink") aufgenommen und gemischt, klingt das hier auch nicht mehr nach Indie. Zu fett und auf den puren Effekt hin produziert, zu zuckersüß die Arrangements. Da stört nichts, und auch die Beatles-Lektion a la "Hey Jude" hat man mit den schönen, rhythmischen Rhodes-Akkorden gelernt. Legt natürlich die Vermutung
nahe, daß, im Vergleich zur Produktion von bspw. Go Plus' Largo
(Kitty-Yo/V2), hier nix mehr mit unabhängiger Produktion war und
der Major seine Finger massiv im Spiel bzw. im Studio hatte. Wenn dem
nicht so ist, ziehe ich meinen Hut, mache meinen Knicks vor der teuflischen
Professionalität dieser jungen Band und entschuldige mich hiermit
aufrichtigst. Rauher und Natürlicher hätte ich's trotzdem schöner
gefunden. So wie auf der Demo-Version des Songs, die auch auf der Single
ist. Müssen nämlich nicht immer so viele Teile sein und noch
einer drauf und noch einer drauf und noch einer und noch einer und noch
einer... |
| AUTECHRE VS. TORTOISE adverse
camber (12"Maxi, cityslang 1998) |
Bernd sagt:
Die Musik von Booth und Brown
erklingt wie die sinnliche Darstellung einer Mathematik mit sehr vielen
Ausnahmen. Autechre gaukeln uns bloß Ordnung vor, um vor dieser Kulisse
die Verstöße - das Ausscheren, Sich-nicht-fügen, Nicht-zur-Stelle-sein
- besser in Szene setzen zu können. Tortoises "Ten-Day Intervail"
(auf: TNT, 1998) wird mit viel Behutsamkeit gegen den Strich gebürstet:
Das grundlegende Sechszehntelnoten-Band des ehemaligen Vibraphons wird
zerdehnt, gestaucht und um die eigene Achse gedreht. Doch es zeigt sich
elastisch, nie droht es zu reißen. Das E-Baß-Thema des Originals
hingegen legt man schlafen; aber es wälzt sich unruhig und behäbig
hin und her. Einige Male spricht es im Schlaf, und wir vernehmen falsches
Slap-Baß-Geschnalze. Letztlich jedoch fügt es sich in sein dösiges
Dasein. Über all dem zucken technoide Blitze, der Donner aber bleibt
aus. "Adverse Camber" ist ein Kreisel, der unmerklich Schwung verliert,
schlingert, aber auf sonderbare Weise so bald nicht umkippen wird. Ohne
viel Aufhebens geht hier etwas seinem Ende entgegen, das irgendwo hinter
der Auslaufrille zu liegen scheint. Damit sich doch ein Ende findet: Ein
Outro, das mit unerbittlicher Strenge die Ansammlung unbekannter Geräuschpartikel
wiederholt. Variationslos entfernt es sich und geht erst nach knapp fünfzig
Sekunden im Rauschen des Vinyls unter.
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| CHRISTIAN MORGENSTERN night of the living
deaf (A2) (12" Maxi, Forte 1999) |
Marco sagt:
Götz-Christian Morgenstern,
der Student der Kölner Kunsthochschule für Medien, der auch duften
House macht. Schön zum Tanzen und schön zum Auslaufen der 1.
Hälfte nach Autechre. Ist Götz-Christian arrogant? Haben wir
uns in der Sendung nicht getraut zu fragen...
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| WUNDER strings of clouds
(aus: Wunder , 12" LP und CD, Karaoke Kalk 1998) |
Bernd sagt:
Wunder-Musik ist außergewöhnlich.
Jörg Follert wiederbesucht mit seinem neuen Projekt etwas aus der
Mode gekommenes, überholtes, fast anrüchiges: Stimmungsmusik.
Musik, die etwas von uns will. Auf eine unaufdringliche Weise hier jedoch.
"Strings of Clouds" erzählt uns vom Wetter. Alle Klänge sind
assoziativ meteorologisch besetzt: Vibratoeffekt auf Rhodes-Piano (vgl.
z. B.: Doors, "Riders On The Storm", aber auch: Kinks, "Rainy Day In June"
u. v. m.), Beckenwirbel, Halleffekte und nicht zuletzt Plattenknistern
(hier: Regen) und Bass Drum (hier: ferner Donner).
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| SCHWERMUT FOREST for america
(aus: Sort of, CD, Kitty-Yo 1999) |
Marco sagt:
Ein wünderschönes Instrumental gleich zu Beginn dieser gemischten Gitarrenplatte. Kitty-Yo, ich liebe Euch und Eure Veröffentlichungen, aber diese Platte bleibt leider etwas unter Eurem Niveau. Auch wenn Jürgen Söder von Couch an der Gitarre mitspielt. Die Instrumentals sind so klasse, einige Stücke mit Gesang sind es leider nicht. Attitüde und Texte wissen nicht immer zu gefallen (zumindest mir), wenn ich es mit Marc's Worten sagen darf. Nachher noch ein Stück um das zu verifizieren - oder mich verbal aufzumischen (gerne auch per eMail), wie es bei einem Interview mit Julian Weber von Schwermut Forest bei Ihrem Konzert hier in Köln im Gebäude 9 eigentlich geplant war... aus Zeitgründen hat es leider nicht geklappt (unsere Schuld!) SF kommen aus München
(orientierten sich aber wie Couch schon früh Richtung Weilheim) und
machen deutschsprachigen Gitarrenpop, teils mit Gesang, teils ohne. Und
"Gästecouch" ist auch mit Gesang ein toller Song.
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| BISK beautiful running hand
(aus: Ticklish Matters, CD, Subrosa 1998) |
Bernd sagt:
Während vermutlich die
eigentliche Avantgarde im Bereich moderner Home-listening-Electronica unter
dem Etikett Klangforschung winzigste Musikpartikel seziert, dabei
Konzentration auf das
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| TARKONTA LOY avoir
(aus: Jimmy Gimme More, DoCD, Hausmusik 1998) |
Marc sagt:
Elektronische Instrumentalmusik
von Marion und Andreas Gerth. Sie spielt auf dem Sampler auch mit Fred
Is Dead, er mit Milton/ Gerth/ Steer und dem Tied & Tickled Trio. Avoir
ist ein schwerfälliger Track aus schabenden Loops, vordergründig
gerahmt von zwei Keyboardtönen, dann stampft er los. Viele Sounds
hat es nicht, bald ist alles vorgestellt, nach hinten bleibt Überraschendes
aus, und gewisse Einförmigkeit stellt sich ein, teutonisch, doch immer
mal wieder gibt es Pausen der Transparenz, lüften Drum & Bass-Wirbel
durch. So wird zwar nicht abgehoben, aber schwere Vorhänge fallen,
ziehen wieder vor, und das hat seinen Reiz.
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| SCHWERMUT FOREST these boots
are made for talking (aus: Sort of, CD, Kitty-Yo 1999) |
Marco sagt:
Jetzt nochmal mit Gesang.
Ein Song, nicht so schlecht wie "Die Zukunft der Was", aber auch nicht
so gut wie "Gästecouch" vom Album "sort of " (was eigentlich?). Es
kann aber auch ganz einfach sein, daß ich den tieferen Sinn oder
den Humor der Texte nicht verstanden habe (ganz ehrlich!). Trotzdem muß
ich noch erzählen, damit nicht jeder denkt, daß ich diese Platte
schlecht finde, daß ich schon ganz vielen Leuten Stücke davon
auf Mixcassetten aufgenommen habe: Meistens "For America" oder "Wir und
Sie" (die sparsame Gitarre und die Bläser sind toll), manchmal auch
"Gästecouch".
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bontje wird mit freundlicher
Unterstützung des Freien Lokalrundfunks Köln (FLoK) produziert.