bontje - frische musik

independent-pop-radio auf FLoK, FM 107.1 MHz
 
 

Playlist
Donnerstag, 17. September 1998, 19 bis 20 Uhr



 
ELLIOTT SMITH angeles
(aus: Ballad of Big Nothing, CDEP, Domino 1998)

Marc sagt:
Wir feiern Elliott Smith. Vermutlich weil er uns zurückführt, ohne Retromuff. Mehr als an Zeitgenossen erinnert seine Musik an Simon and Garfunkel, an schon namenlose Folkbarden aus den Sechzigern und Siebzigern. Singer, Songwriter. Hier gibt es zwei gezupfte Akustikgitarren, ein Keyboard, Stimme. Intimität stellt sich ein, der Vortrag ist gedämpft und dringend. Der Song bleibt offen, klein, will auch nicht größer scheinen. Die zwei ersten Platten wurden letzten Monat in Deutschland erstveröffentlicht. Bis zur dritten, Either/Or, blieben die Arrangements spärlich. Jetzt ist XO erschienen, auf dem Plastiklabel Dreamworks, und das Mehr an Instrumentierung und Raumklang hat der Transparenz nichts genommen, eine Lieblingsplatte, aus dem Start.

 

FLAKE deluca
(aus: henry's dress / flake Split 7" Single, Omnibus Records1998)

Marco sagt:
Schöne Indie-Vernetzung. Eines Tages erreichte mich eine eMail des Omnibus-Labelbetreibers Mark Kaiser, der auf unsere Website gestossen war und freundlich anbot, uns einige Promos zu schicken. Flake aus Albuqueque, New Mexico, waren neben Shove die herausragende Band. Wunderschöne kleine Musik aus dem großen Amerika, im handlichen, kompakten Lo-Fi Format. Erinnert am ehesten an die frühen Built to Spill. Ein wenig zerlegt der Song, findet Marc. Aber dann geht es wieder ganz nach vorne los, im schnellen Galopp. Schön und unprätentios. Omnibus sucht hier einen Vertrieb und noch viel eher Leute, denen diese Musik gefällt. Ich hoffe, wir konnten helfen. Der Song und das sympathische Label hätten es jedenfalls verdient. 

 

MAGOO black sabbath
(aus: Magoo: Black Sabbath/ Mogwai: Sweet Leaf,  CD Split-Single, Fierce Panda/ Shellshock 1998)

Marc sagt:
Magoo sind junge Raumfahrer: schrill & sexy & nie weit von den Siebzigern entfernt. Hier tappen sie mitten rein. Black Sabbath wird nachgespielt, und zwar werkgetreu und stilsicher. Ironie nein, Spaß Terror. Gnade ist pussy. Am Versende stellt sich Trennungsschmerz ein ("peo-ple" - "sit-ting"), und besseren Regen hat das Original. Sonst aber treten Magoo ganz klar Ozzys Arsch. Die Stimmen sind was für die Kirche, und der Sound ist so hart und präzise, daß im Schatten des Fallbeils Black Sabbath wie eine jener verdammten Hippie-Kapellen klingen, deren Ärsche sie einst traten. Hippies, Langhaardackel. Für ein heutiges Ohr kaum glaublich, aber das Innencover weiß, "it really was THAT big...". Mag sich auf die elephantösen Ausmaße des abgebildeten Drumkits beziehen. Kleiner gewachsene Menschen planen schnell die Inneneinrichtung und die Farbe der Tapeten. "two sonic scratches of the big bad rock arse" - der zweite Arschkratzer kommt von Mogwai. Zu Mogwai war schon was in Bontje IV. Die nudeln hier Sweat Leaf solide gelangweilt runter, sind trunken, erzählen und husten, freuen sich, einer rülpst. Wer singt? Die schönste Musik der Welt schreiben Mogwai lieber selbst. Eine Platte für Fans. Eine Battle-Platte, Chemikal Underground vs. "huge hairy balls!" Ozzy auf dem Cover, Jesu Christi Pose. Und wem hier zu viele Ärsche, der hat Heavy Metal nicht verstanden. Macht nichts?

 

NOVAK telesphore
(aus: Alpine Assignment, CDEP, Kitty Kitty 1997)

Marco sagt:
Ich meine, ich hätte Sie 'mal auf John Peel's "best of 1997"-Liste entdeckt. Wie auch immer, eine großartige Platte, mit noch großartigeren Flöten! Flöten und Indierock - eine bescheuerte und umso mehr geniale Mischung (später hierzu noch mehr...). Auch Novak aus England nehmen sich - wie so viele andere Bands im Moment - mit Ihren Songs Zeit. Nur langsam arbeitet sich der Song mit erst einfacheren, dann immer komplexeren Melodien von Gitarre und Bass zum Gesang vor, wird intensiver, bis der Knoten schließlich platzt und munter und laut drauflosgeschrammelt wird (und die Flöten kommen dürfen!). Rocken muß der Song deshalb noch lange nicht, denken sich Novak, und haben eine smarte Sängerin, die den Song jeglicher Klischees beraubt. Man darf Broadcast zum Vergleich heranziehen, Novak leben jedoch die krachigeren Parts mehr aus.

 

HOLE celebrity skin
(aus: Celebrity Skin (CDSingle und gleichnamige LP, 
Geffen 1998)

Marc sagt:
Das hat nichts mit Liebe zu tun. Hole verflachen im Vulgärpop. Klar ist das hier Rock und bumst, und die Produktion macht für eine Woche satt. Aber wer schon gegessen hat, muß kotzen. Ein Rockhitschema wird verkleistert. "When i wake up /  in my make-up." - eben. Haut atmet nicht und Poren groß wie Pershings. Wenig Substanz, teuer verpackt. Billy Corgan hat hier mitgeschrieben, hat nicht geholfen. Hätte sich Alan Smithee nennen sollen. Kurt Cobain kann nicht schlafen. Das ist alles egal. Die Musik gefällt nicht. Will jedem gefallen plus Arsch treten. Nee.

 

NUUK smaragdring
(aus: Nachts in schwarzer Seilbahn nach Waldpotsdam, CD, Traumton 1998)

Bernd sagt:
Mit aller Gespreiztheit im Ton feiern Nuuk hier letztlich den Ekel vor der Menge. Und das kunstvolle Leiden daran gehört nun einmal auch zum Topos: "Ich habe keinen Sonnenaufgang". Ach... Aber in der Düsterheit funkelt als künstlicher Stern der besungene Edelstein grün wie das CD-Cover), und der wiegt all das bürgerliche Talmi auf, das dem melancholischen Ich-Erzähler da durch die Lappen geht. Décadence revisited. Doch trotz dem Bemühen um eine aristokratische Haltung, haftet der ganzen Inszenierung der Stallgeruch des Vulgären an. Goldts allzu selbstgebastelte Reime und Winklers Drum'n'Bass-Verballhornung, die sich ins Synkopen-Delirium onaniert, machen alle Pracht zunichte. Vielleicht gehört das aber auch zum Spiel, das man hier mit uns treibt. Und der Ironie-Trick funktioniert ja ganz famos: Auf das the-smith'sche Gejammer "All die schönen Leute/ Könnt ich lieben heute/ Ich müßte nur mal lächeln/ Doch dann würd ich mich erbrechen" fragt ein ätherischer Frauenchor plump: "Wer wischt das weg?" - Rock'n'Roll ist das nicht. Wer hier jedoch 'Kunstkacke' schimpft, der vernimmt prompt das stolze Gelächter in der Elfenbeinturm-Stadt. Und da sie's von uns schon gar nicht mehr erwarten, applaudieren Nuuk sich zum Abschied selbst. Wir machen uns erschöpft auf nach Hause. Weil's da gemütlicher ist. Weg von Nuuk, weg von Waldpotsdam - und mit irgendetwas bequemerem als einer Seilbahn auch.

 

MOLOKO be like you
(aus: I Am Not A Doctor, CD, Echo/ Universal 1998)

Bernd sagt:
Schon im Intro zeigen sich die Symptome niedlicher Neurosen. Pedantisch im Detail, zwanghaft verspielt, jedoch ohne daß man sich ernsthaft Sorgen machen müßte. Das groovt schon, keine Bange! Wenn wir dann aber Stimmen hören, wird die latente Schrulligkeit des Programmierten manifest: Róisin Murphy fällt sich ins Wort, mal im Widerstreit, mal als vorauseilendes Echo. Ungut, daß man den Vortrag vielleicht expressiv nennen muß. Glück aber, daß jedes doofe Authentizitäts-Getue dabei fehlt. Denn nie ist die Stimme die eigentliche. Die ist doch nicht ganz echt! Schon gar nicht als ganzer Chor, der sich selber zuruft: "Everybody wants to be like you!" - worauf es sich antwortet: "Me, too!" Zwischendurch kaspert ein verspultes Thema herum, das erst im dritten Anlauf mit Müh und Not die Kurve kriegt. So wie das ganze Stück. Da ist manches verrückt, - aber an die Stellen, wo es gut aussieht. Manchmal hört sich das an wie Portishead mit guter Laune. Diagnose: ein gutartiger Track. - Der nächste bitte!

 

MERCURY REV song for joey 
(aus: Boces, CD, Beggar's Banquet/ Mint Films/ Jungle Records 1993)

Marco sagt:
Weiter mit den beknackten Flöten. Diesmal bei Mercury Rev. Total überladenes, abgedrehtes Gitarren-Avantgarde-Zeugs irgendwo aus dem US-amerikanischen Osten. Mastermind Dave Fridmann hätte fast mit den Delgados an Ihrer neuen Platte gearbeitet. Als ob die nicht schon genial und schön genug wäre. Man stelle sich vor: Dinosaur Jr. Bug-Era meets Blasorchester meets hektische Frauenchöre. Völlig durchgeknallt, aber absolut genial. Und dazu das beste Musikvideo aller Zeiten. Ich sag' nur 70er Porno a la Boogie Nights und dazu drehende Sternchen und Plastik-Raumschiffe. Neues Album kommt im Oktober! Dann mehr darüber hier bei Bontje.

 

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