bontje
- frische musik
independent-pop-radio
auf FLoK, FM 107.1 MHz
Playlist
Mittwoch, 19. August
1998, 19 bis 20 Uhr
| TUESDAY WELD less complicated
(7" Single, Supermodern/Noiseworks 1997) |
Marco sagt:
Bontje - Home of Rock! Satte Gitarrenwände und schöne schrammlige Akkorde in bester amerikanischer LoFi-College-Rock-Tradition, allerdings aus der Bear Mountain Residence in Ostwestfalen. Die Szene dort produziert mittlerweile einen ähnlichen Output an Gitarren-Untergrund wie Hamburg - mit dem Unterschied, daß wohl all diese netten Leute tatsächlich dort herkommen und nicht erst hingezogen sind. Wie komme ich darauf, in der Sendung zu erzählen, Christopher Uhe (Sharon Stoned, Locust Fudge) spiele in dieser Band mit? Keine Ahnung. Meine Internet-Recherchen konnten dies nämlich nicht bestätigen. Ist also totaler Quatsch. Habe wahrscheinlich zu viel Bear Mountain TV gesehen... Übrigens: wer Dinosaur (in den 80ern) liebte und Sebadoh auch, der... Ihr wißt schon. |
| ZWEI TAGE SAUERSTOFFmädchen
aus napalm
(aus: Zwei Tage Sauerstoff/40 Sekunden ohne Gewicht Split 7" Single, Emphase 1998) |
Bernd sagt:
Das Störgeräusch am Eingang warnt: Das Mädchen aus Napalm hat verdammt schlechte Laune heute! Und prompt fliegt einem hier alles um die Ohren: Bleche, Eisenstangen und was sonst noch so 'rumliegt in einer Metallwerkstatt und eigentlich nicht in Kinderhände gehört. Heavy Metal Overdrive. Ein unwirtlicher akkustischer Raum, in dem das Mädchen aus Napalm wohnt und wütet. Niemand ist hier gerne Gast. Und mitten in der permanenten Explosion: elektronische Splitter, die man sich nicht als Tinnitus wünscht. Aber etwas Sirenenhaftes liegt auch in alledem. Und plötzlich will man tanzen, zu diesem Rhythmus, der auf eckigen Rädern rollt. Nach etwa zwei Minuten aber hält Fräulein Napalm kurz mal inne, sieht, wie's hier aussieht und - irgendetwas schabt verlegen. Nun kommt doch noch Besuch! Buckelwal is in the house! Doch die Gastgeberin macht weiter wie zuvor, nur etwas mehr der Reihe nach. Jedoch nicht leiser! Die runtergetuneten Meeressäuger stört das nicht und bleiben. Die können warten. Denn schließlich spielt sich das Störgeräusch vom Eingang als Hausmeister auf und dreht der Stahlgewitter-Party den Strom ab. Das ozeanische Getute indes dauert an und macht das Schwere weg, doch nicht das Dunkle. Chill out ohne Gekicher. Zwei Tage Sauerstoff sagen uns: Alles zu seiner Zeit. Und manchmal ist das gleichzeitig. |
| SOLEX solex in a slipshod style
(aus: Solex vs. the Hitmeister, CD, Matador 1998) |
Marc sagt:
Elisabeth Esselink aus Amsterdam ist Solex, in jedem Song neu, ein Charakter, in den sie schluepft, vielleicht auch nur ein Gewand. In schlampigem Stil schlaufen TripHop- Beats daher, Becken scheppern, der Gesang beginnt lasziv, schon aber irritierend hohl, mehr dann, als mit einem Oktavensprung Geschaeftigkeit einsetzt, nervt. Der Gesang ist fortwaehrend. Dazwischen tolles, verhallendes Pfeifen, staendig wechselnde Drumsounds, waehrend das Geruest doch stehenbleibt. Die Naivitaet des Vortrags kollidiert angenehm mit der sinnlichen Traegheit der Beats, erzeugt eine schaurig geschlossene Schoenheit. Studiogast Guido Moebius aus der Bontje-Partnerstadt Berlin fand das sexy, krank ist es allemal und aufregend und anders. Konzertbericht: 8/13/98,
Underground, Koeln. Solex ist die Koenigin des Abends und strahlt. Ihre
leichten Samplingcollagen sitzen haeufig fettesten Clubrockern auf, die
aber nie vulgaer stampfen. Alles kommt mit Stil und tanzt sich fast von
selbst. Darueber dann die Stimme, immer, Mitteilung, Mitteilung, die einen
etwas abruecken laesst von den Beinen und beklommen machen kann, auch anruehren.
Und wer David Lynch denkt, der sage das auch, ohne sich zu schaemen.
|
| MOGWAI small children in the background
(aus: No Education = No Future (Fuck the Curfew), CDEP, Chemikal Underground 1998) |
Marc sagt:
Das hier ist ueber Ordnung. Links wird gesaegt, gezupft rechts, und das bleibt, im Grunde. Der Rest ist Schichtung, Anheben, ist Absenken. Eine kleine Melodie regiert, die Saege, der Keller. Da wird etwas aufgebaut, nur mit Strom. Gitarren, Bass, Schlagzeug, mit Zeit, dann rueckt man zusammen, fuer dreissig Sekunden laesst es krachen lodern, der Nachhall vier Minuten lang. Zuletzt doch Stimme. Aus einem zerhackten Monolog flattern Teile im Wind, sagen, Wir sind fertig so: Nebeneinander, miteinander, nebeneinander - ein Song! - verse chorus verse (Nirvana). Mogwai sind vier junge Maenner aus Glasgow und zu Hause bei Chemikal Underground. Debuet im spaeten 1997 mit Mogwai Young Team, dieses Fruehjahr dann kompilierte Singles aus dem Vorjahr auf Ten Rapid, kuerzer, spannender. Jetzt drei neue Songs!, die hart glauben lassen an die zweite Langspielplatte, noch dieses Jahr. Konzertbericht: 8/14/98,
MTC, Koeln. Chef Stuart pLasmatroN in Socken auf seiner Kappa Proll-Trainingshose,
Dominic Demonic barfuss. Das sind Jungs, und sie spielen wie Maenner. Geduldig,praezise,
trocken, laut, lustvoll, und alles ist schoen, bis auf Umstehende, die
Muender halboffen und Gesichter geschlossen halten. Mogwai sind Prinzen,
die Bier trinken, Moenche, die rocken.
|
| AUTECHRE vose in
(aus: Autechre: LP5, Warp 1998) |
Bernd sagt:
Zunächst ist hier nichts festzustellen. Alles geht ja seinen Gang. Mit einem HipHop-Beat - dafür gemacht -, der sparsam und bekannt ist. Dazu, zu seiner Zierde, die schönen Keyboardbögen, klar und deutlich, von einem Taktbeginn zum nächsten. Wenn nur das Geraune an den Seiten nicht so wäre, daß wir's zwar hören, aber nicht verstehen! (So wird das Kopfhörer-Musik in jedem Sinne.) Unsere Vorgehensweise: Dies sei Musik im Koordinatenkreuz. Die Vertikale: unten Baßtrommel, oben ostinatives Gezissel, dazwischen Snare. Die Horizontale: blubberndes Getön zur Rechten, blubberndes Getön zur Linken, dazwischen: nichts. Bloß spärliches Grenzgetacker der Snare - doch würde sich hier ohnehin nichts mischen, denn: Hier wie dort wird, wie an Schnüren, das Getön an den Ohren des Hörenden vorbeigezogen. Doch links und rechts da zieht wer anders, wie es scheint. In einem primzahligen Verhältnis zueinander, das vielleicht. Doch lindert das nicht unsere Konfusion, hier kein System zu finden. Nur trotzig glauben wir noch an die prästabilierte Harmonie der großen Autechre-Maschine... Wären wir nur bei den schönen Keyboardbögen geblieben, dann wäre alles noch in Ordnung! Und plötzlich, diabolus ex machina, der Große Bruch, nach all den kleinen. Die vielen Takte schönen Scheins sind nun vorbei (und auch die Takte überhaupt). Vielleicht muß auch das so sein. Denn im Zusammenbruch wird jedes Element noch durchdekliniert, und jeder Klang muß zeigen, was er auch hätte sein können. Eine Offenbarung schließlich, in der Zeit von zwei Minuten. |
| ARAB STRAP one day, after school
(aus: Philophobia, CD, Chemikal Underground 1998) |
Marc sagt:
Arab Strap erzaehlen Geschichten zu Musik. It's the economy, stupid! (George Stephanopolous) Die Geschichten sind sparsam, die Musik preiswert. Im wesentlichen so: tumber, dumpfer Drumcomputer-Teppich, eine Gitarrenmelodie, zwei Keyboard- Akkorde, ein Vier-Ton- Basslauf, dessen verschleppte Auffahrt unter der Stimme Schraege macht. Dann noch mal eine elektrische Gitarre solo, die die Melodie der akustischen aufnimmt. Mehr nicht, auf fuenf Minuten. Und die Stimme, Aidan Moffats Stimme, lakonischer, zurueckgenommener nicht denkbar. Kein Glam, bis auf einen Rest, aus deutscher Begeisterung fuer dieses famose Schottisch, dieses famose Trainspotting-Schottisch. Und die Geschichte von einem Jungen und einem Maedchen, bei denen der Sex nicht gross ist, und auch sonst ist nicht alles gut, und das Maedchen macht Schluss. Und der Junge nimmt es hart. Und das Maedchen sagt, sie sollten Freunde bleiben. Und das ist okay, und dann hat sie ihre Hand in der Hose eines anderen Jungen, und unser Junge will sie trennen, was sonst tun, und kommt blutend nach Hause, und seine Mutter will das Maedchen buessen lassen. Mehr nicht. Auf fuenf Minuten. Intimer, offener, verletzlicher kann Popmusik nicht sein. Philophobia hat dreizehn Geschichten und ist grossartig. Arab Strap sind zwei junge
Maenner aus Falkirk bei Glasgow und zu Hause bei Chemikal Underground.
Debuetalbum The Week Never Starts Round Here, dann EP The Girls of Summer.
Jetzt Philophobia. Arab Strap wollen alles ehrlich halten und erzaehlen.
Arab Straps
Kein Konzertbericht, weil
Arab Strap dann doch nicht am 8/15/98 im Stollwerck gespielt haben. Aber
Notwist waren so toll!
|
| JOSEF K sorry for laughing
(aus: endless soul, compilation LP, Supreme International Editions, 1987) |
Marco sagt:
Malcolm Ross' (später noch bei Orange Juice und Aztec Camera) und Paul Haig's erste Band. Leider blieb sie eigentlich immer weitgehend unbekannt, obwohl sie zusammen mit Orange Juice wohl eine der großartigsten britschen (Gitarren-)Popbands der beginnenden Achtziger Jahre war. Hier wurde bereits geschrammelt, was das Zeug hielt, gleichzeitg konnte man sich aber dem immer noch wirkendem Einfluss von hartem Siebziger-Funk und Soul nicht entziehen. Das bleibt. Mindestens noch tausend Jahre. Allerdings fehlen bei diesem Song die sonst so schönen, sparsam arrangierten Bläser. Marc fühlt sich wie nach
einer Reise in der Zeitmaschine. Warum spiele ich so olle Kamellen? Dieser
Tage erscheint bei Marina ein neues Josef K-Album mit altem, rarem, längst
vergriffenem Material... konnte von Bontje noch nicht gehört werden,
ist aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schön und
bleibt auch. |
| RED SNAPPER 4 dead monks (original
demo version)
(aus: V.A.: wap100 we are reasonable people, CD, Warp1998) |
Marco sagt:
Zu wenig weiß ich über Red Snapper, als daß ich viel über sie schreiben könnte. Gross, wie so vieles vom Warp-Label. Schön, wenn die Trompete einsetzt. Schön, wenn nach dem nach Hardcore klingenden Bass-Riff doch keine Hardcore-Einlage kommt, sondern ein ruhiges Ende. Schönes Video, im Super-8-Stil mit Strand und Meer, irgendwann einmal gesehen. Schön, schön, schön. |