bontje - frische musik

independent-pop-radio auf FLoK, FM 107.1 MHz
 
 

Playlist
Samstag, 11. Juli 1998, 19 bis 20 Uhr, UKW 107.1 MHZ



 
SCHNEIDER TM starfuck / the kid
(aus: Moist, CD, City Slang 1998)
Marco sagt:
Solche Soundwände habe ich schon seit My Bloody Valentine nicht mehr gehört. Aber es ist Elektronik! Vom im Westfalen-Pop beheimateten und Hip Young Things- und Locust Fudge- und und und- vorbelasteten Dirk Dresselhaus alias Schneider TM. Er geht nach Indierock und LoFi-Pop den logischen Schritt weiter in Richtung Elektronik, stand irgendwo geschrieben. Wie auch immer. Das kann tanzbar, aber auch krachig bis zum Abwinken sein. Unter brachiale Verzerrung legt er hier einige der schönsten Melodien dieser Erde. Er hat den Charme und die Intelligenz von Mouse on Mars, den Beat von Daft Punk und den Krach von MBV. Sternenfick. Was für eine Platte!
Harald "Sack" Ziegler & Frank Schültge "Blumm" die fünfte dengelophonie
(aus: die fünfte dengelophonie, 7" Single, Dhyana Records 1998)
Bernd sagt:
"Bei dem Versuch, das Niveau der 5ten Dengelophonie zu halten, wird es folgenden Komponistengenerationen schwerfallen, ihr Erbe als Geschenk aufzufassen" heißt es im Beiblatt zu dieser Single mit den lustigen roten und grünen Punkten. Das ist wohl wahr. Das Titelstück dieses putzigen Vinyls versammelt ohne Pose randständige Musikalien wie "kleine & große klimper" und "ddr-spielzeugklavier". Melodisch sparsam baut sich so rasch eine kleine mechanische Apparatur analoger Klänge auf. Alles wirkt auf eine völlig unreaktionäre Art handgemacht. Das ähnelt dann alten Uhren, die würdevolle in minimal versetzten Metren takten. Dazwischen manchmal Brüche, die nicht wirklich eine Störung sind, sondern bloß Platz machen sollen für langezogene Töne, die aus der Ferne zwischen den Boxen majestätisch und dennoch zerlumpt heranschreiten. Das alles klingt wie das müßiggängerische Klimpern ernster Kinder. Und wenn nach knapp zwei Minuten ein mürrisches E-Baß-Motiv vorschnell  zur Eile gemahnt, sieht es doch bald ein, daß dazu gar kein Grund besteht. Ist ja auch klar: Viel klüger sind die sparsamen Baß-Akkorde, die mit ihren Flagoletts und freundlichen Verzerrungen in der Ferne ein Waldhorn anlocken: Wir ahnen bald, daß wir hier etwas mitgeteilt bekommen, das sich nicht anders sagen läßt. Große Musik auf kleinen Instrumenten. Ach ja: B-Seite auch super!
FRIDGE swerve and spin
(aus: Semaphore, CD, Output Recordings 1998)
Marc sagt:
Zweimal angezaehlt die Snare, und es geht los. Die Gitarre faehrt ein tragfaehiges Muster, das Schlagzeug treibt trocken vor, der Bass wummert stumpf Schmutz tief. Schweres Netz ueber einen Fluss gespannt. So schleift und schnuert das zwei Minuten. Dann im Break zupft ein Beat dezent, Becken reversen, und Gitarre zirpt rechts nach links. Zweimal angezaehlt die Snare, und es geht los. So schleift und schnuert das zwei Minuten.
Das am simpelsten gebaute Stueck der Platte moechte laut gehoert werden, und tanzen laesst es. Marco mochte den Proberaumcharme. Christoph Buescher schreibt in Intro 5/98: "...eine dieser neuen aufregenden Indie-Bands, die sich so voellig selbstverstaendlich zwischen Rock und elektronischer Musik, zwischen Song und Track hin und her bewegen, als haette es diese Trennung nie gegeben."
Neoklassische Triobesetzung, entspannte Grundstimmung. Programmiertes, Gitarren, erdiger Sound, in Prisen Country. Repetition galore. Weniger Dynamik als Mogwai, weniger Stueckwerk als Tortoise. Schoeneres Cover als Trans Am. Wo in Britannien liegt Putney, da kommen Fridge her.
THE DELGADOS
repeat failure
(aus: Peloton, CD, Chemikal Underground 1998)
Marco sagt:
Einer der echten Brecher neben vielen ruhigen Stücken auf der neuen Platte der Glasgower, die ganz nebenbei auch noch das Label Chemikal Underground betreiben und dort so wunderbare Bands wie Arab Strap oder Mogwai und natürlich sich selbst beherbergen. Tief verwurzelt in britschem Mittachtziger Gitarrenpop und US-amerikanischem Indierock machen Sie doch ihr komplett eigenes Ding, das sich vom Rest der Musik von der Insel nicht nur absetzt, sondern einfach um Klassen besser ist.
Viele viele Gitarren, ein schöner, melodiebetonter Bass und ein treibendes, aber betont unspektakuläres Schlagzeug vermischen sich mit Streichern und Bläsern zu komplex und intelligent arrangierten Popsongs - vielleicht neben Notwist einer der besten Platten dieser Zeit. Und Paul & Emma, zwei Viertel bzw. weil ja Paar eine Hälfte der Band, (und natürlich Ihren Musikgeschmack) kann man einfach nur liebhaben. Durch Sie durfte ich jüngst zum ersten Mal das Mercury Rev-Video "Song for Joey" im Fernsehen bestaunen.
GO PLUS superfreunde
(aus: Superfreunde, CDsingle, Kitty-Yo/V2 1998)
Marco fragt:
Warum muss die neue Single nach den vorausgegangenen zwei wunderbaren Platten, nämlich der EP "La Montanara" und der 7" "Strum" (beide auf Kitty-Yo), plötzlich so schlecht werden? Hat da der böse Major seine Finger im Spiel? "Also, ich find' ja die alten Platten viel besser..." - das nervt, aber hier passt es leider. Trotzdem Kaufempfehlung - warum? Weil nämlich das grandiose "Strum" auch als b-Seite auf dieser CDsingle ist.
KANDIS claps
(aus: V.A.: The Sound of Cologne, DCD, Sound of Cologne Records/Karaoke Kalk 1998)
Bernd sagt:
Eine pappig-stumpfe 4/4-Baßtrommel gibt die bpm-Zahl vor. Nach kurzem, zittrigen Hi-Hat-Geraschel dann dieses seltsame Geklacker wie aus einem digitalisierten Sack Murmeln. Erst später werden wir bemerken, daß darin auch das Händeklatschen versteckt ist, das dem Stück den Namen gibt. Ähnlich die dominante Elektro-Fontäne - eine verharmloste 80er-Altlast - deren technoides Blubbern mithin auch schmatzend-saftig tut. So balancieren die meisten Sounds schemenhaft auf der Grenze zwischen Noch-nicht und Doch-schon. Und plötzlich glaubt man auch zu verstehen, was die irgendwie ganz schön doofe Bassdrum meint. Ansonsten wird den Tönen schon mal der Schwanz abgezwickt; oder aber - wie beim Pseudo-Baß, der nach etwa 1 Minute niedlich zu poltern beginnt - zwirbelig gedreht. Das tut den Tönen aber nicht weh. Die machen einfach weiter, wechseln sich fair ab und sogar die Hi-Hat darf sich nochmal im Delay suhlen. Das könnte Stunden so gehen. Oder eben 5:20 bis zu einem der bösartigsten Fade-outs ever. Marc meint, dieses Stück Mini-Elektronik wirke etwas beliebig. Zwingend ist hier tatsächlich nichts. Gerade deshalb kann man aber auch prima dazu mit dem Kopfhörer auf den Ohren durch die Wohnung tanzen.
BILLIONAIRE revelation 
(aus: The goodnight Sky, CD, Radio Telescope Records 1998)
Marc sagt:
Aus Atlanta, Georgia. Grausen in unabhaengig verbildeten Ohren. Unerhoertes on Bontje Radio. Vor liegt eine Mainstreamproduktion, von geliehenem Kleingeld, auf einem Winzlabel. Der Bandname sagt, wohin man will, und der Koeder, den die Majors schlucken, ist fett: Testosteron galore. Das Stahlross startet in den Siebzigern und haelt an jeder Zeitschranke, aufzuladen die Sounds und Ideen. Furchtlos werfen sich Meistergeist Rick Beato und seine drei Gernereichen in die Fluten der Rockklischees und halten sich mit einem imponierenden Kraftakt ueber Wasser, voellig ironiefrei. Zitatenspiel, fiese Posen, dann unerwartete Kniffe, die bekannt Geglaubtes durchbrechen, Spiel; die Details beeindrucken, wenn auch die Musik nicht gefaellt. Zu erdrueckend ist die Fuelle, zu kalkuliert auf ein Maximum anEffekt. Aber Rick ist ein Gitarrengott, hat mit wenig ein prallbuntes Ding gemacht, und vielleicht ist der Saenger huebsch. Die koennen gross werden, denn Amerika wird es schlucken, den Stadionrock, den Monsterrock, frisch
beatmet, Gitarre zum Glied.
THE NOTWIST no encores
(aus: Shrink, CD, Big Store/Virgin 1998)
Marc sagt:
Zuviel ist ueber Shrink geschrieben, als dass ich da mithalten wollte. Eine Lieblingsplatte. Zusammen treffen Ernst, Klugheit, Schoenheit. "I count the reasons why you're here." Love galore. Das bleibt.
die
Welt
ist
eine
Scheibe
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